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Otto Lilienthal - Ein neues Buch über den Flieger

Berlin 1945 in den letzten Kriegstagen. Gerhard Halle im Stadtteil Lichterfelde überlegt, wie er das Haus seines Schwiegervaters, Gustav Lilienthal, vor Plünderungen bewahren kann. In kyrillischer Schrift bringt er ein Schild über der Haustür an: „Lilienthal-Museum“. Dem russischen Offizier, der die Straße besetzt, ist die Geschichte des ersten Fliegers Otto Lilienthal bekannt. Die Soldaten bleiben dem Gebäude fern, wichtiger Nachlass der Flugpioniere Lilienthal ist gerettet.

Gerhard Halle ist zu diesem Zeitpunkt 52 Jahre alt. Als 16jähriger schloss er sich 1909 als Helfer dem Luftfahrtpionier Gustav Lilienthal an. Im ersten Weltkrieg hat er als Offizier gedient. Später heiratete er Gustav Lilienthals Tochter Olga. Er wurde dank Informationen aus erster Hand von seinem Schwiegervater zu einem herausragenden Kenner der frühen Fluggeschichte. Was er von Gustav über den 1896 tödlich verunglückten Bruder Otto Lilienthal gehört und im umfangreichen Nachlass gelesen hatte, wollte er auch zu Papier bringen, denn Otto Lilienthal war der erste erfolgreiche Flieger.  Das wurde damals wie heute in aller Welt so gesehen.

Gerhard Halle hatte das Buch 1936 fertig geschrieben. Die Zensur durch die Nationalsozialisten passierte es aber nicht ohne Beanstandung. Das Kapitel über die „Kulturgesinnung“ von Otto Lilienthal musste gestrichen werden. Der Flugforscher hoffte durch den Fliegesport die Jugend in der Welt friedlich zusammenzubringen.  Seine Vision: durch weltumspannenden Luftverkehr werden Armeen überflüssig, weil Grenzen nicht mehr geschützt werden können und so Friede unter den Völkern einkehrt. Gedanken solcher Art passten nicht in die Ideologie der Nationalsozialisten. Dafür wurde einiges gestrichen in dem Buch „Otto Lilienthal - der erste Flieger“ und stattdessen ein Vorwort von Luftfahrtminister Göring, sehr zum Unmut des Autors, gedruckt.

Gerhard Halle, im 1.Weltkrieg Offizier, war angesichts der Kriegsgräuel zum Pazifisten geworden und opponierte gegen den Nationalsozialismus. Der Gründung einer Lilienthal Gesellschaft durch die Nazis 1936 blieb er aus Protest fern. Später weigerte er sich als Offizier in den 2.Weltkrieg zu ziehen. Bei einem Verhör entschärfte der vernehmende Beamte das Protokoll, so dass er mit einer Verwarnung davonkam. 1956 ist dann sein Buch über Otto Lilienthal in zweiter Auflage erschienen, diesmal mit dem Kapitel über die „Kulturgesinnung“ von Otto Lilienthal.

Aber Gerhard Halle wollte noch mehr. Seine Idee: Es sollte ein Buch zum 100. Geburtstag von Otto Lilienthal am 23. Mai 1948 erscheinen, wobei der Mensch, sein Charakter und seine soziale Einstellung und nicht so sehr die Technik im Mittelpunkt stehen. Das Manuskript schrieb Halle in größten Notzeiten In Berlin, Trümmer, keine Arbeit, kein Geld, nichts zu Essen und nichts zu Heizen. Doch Halles Fleiß wurde nicht belohnt: Die Alliierten in Ost und West verboten die Veröffentlichung des Buches. Von deutscher Fliegerei wollten sie nichts wissen, Deutsche sollten überhaupt nicht mehr fliegen. Das Manuskript und zwei abgetippte Exemplare verschwanden spurlos. Gerhard Halle starb 1966. Die Manuskripte waren nicht wieder aufzufinden.

Vor ein paar Jahren tauchten die Manuskripte durch Zufall in einer Erbschaft wieder auf. Für Halles Sohn Reinhard (92) und den Enkel Winfried (56) war klar, dass nun endlich das Buch über Otto Lilienthal, Ingenieur und Menschenfreund, erscheinen soll. Sie wollen es allen Interessierten zugänglich machen. Das war auch ein Grundsatz der Brüder Lilienthal nach 20 Jahre Forschung für die Fliegerei. Ihr 1889 erschienenes Buch “Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“ gilt heute noch als das erste Standardwerk in der Flugforschung und stand allen Forschern in der Welt zur Verfügung.

Und was schreibt Gerhard Halle im neuen „alten“ Buch? Es wird berichtet über die Kindheit der beiden Lilienthaljungs und ihre kleinen Schwester Marie in Anklam, über die sorgende Mutter Caroline, die nach dem frühen Tod ihres Mannes die Träume ihrer Sprösslinge vom Fliegen unterstützte. Ihre drei Kinder haben dann später ihren Weg in Berlin gemacht, Marie als Lehrerin, Otto als Fabrikant des von ihm erfundenen gefahrlosen Schlangenrohrkessels, Gustav als Baumeister, Erfinder der Fertigdecke, des Hohlbausteins, des Fertighauses und Gründer einer Handarbeitsschule und der ersten Baugenossenschaft in Deutschland. Die Genossenschaft „Freie Scholle“ gibt es heute noch, in Berlin stehen noch einige seiner von ihm gebauten Villen. Nie ging es den Brüdern um Reichtum.  Sie hingen aus fester Überzeugung den damals im Kaiserreich verbreiteten Ideen von sozialer Gerechtigkeit an und standen den Sozialisten nah. Otto, der vielseitige Ingenieur und Erfinder, hat seinen Arbeitern in der Fabrik eine ehrliche Gewinnbeteiligung bezahlt. Er gründete ein Volkstheater, in dem auch ärmere Leute für 10 Pfennig die Stücke der deutschen Klassiker erleben konnten. Gustav wollte angesichts des Elends in den Mietkasernen Menschen mit wenig Geld auf kleinen Grundstücken ausreichend Wohnraum schaffen, die Ergebnisse sind heute noch beeindruckend, ebenso wie die Vielseitigkeit der beiden Brüder.

Ein Kapitel in dem Buch ist der kleinen Schwester Marie gewidmet, die ihre Brüder bei ihren Forschungen unterstützte. Sie schrieb die Tabellen als die Brüder Messungen an gewölbten Profilen vornahmen. Später heiratet sie einen Schaffarmer in Neuseeland und machte schwere Zeiten durch, blieb ihrer Familie in Deutschland aber immer eng verbunden. Sie hat die Familienabende mit Hausmusik sicher vermisst. Otto spielte Flügelhorn, Gustav Pedalharfe und schöne Stimmen hatten sie auch.

Das Buch behandelt auch die Flugversuche von Otto ab 1891, die verschiedenen Gleiter, die in seiner Fabrik gebaut wurden, die Flugplätze in und um Berlin, die Otto für seine mehr als 2000 Flüge benutzte. Heute ein Monument auch für   kommende Generationen: Der aufgeschütteter Fliegeberg in Berlin- Lichterfelde. Otto Lilienthal war es, der 1891 in einem Aufsatz als erster das Wort Flugzeug benutzte. Auch damit hat er sich und seinem Bruder ein bleibendes Denkmal gesetzt. 

Das Buch ist ein spannendes Dokument für alle, deren Herz an der Fliegrei hängt!

Heiner Stelter

Das Buch „Otto Lilienthal – Ingenieur und Menschenfreund“, Herausgeber Winfried Halle, erschienen bei schaefermueller publishing, 28 Euro. Das Buch ist zu bestellen unter: Buchbestellung@gustav-lilienthal.de

 ISBN 978-3-86542-071-8