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Dachverband der deutschen Luftsportverbände Mitglied der Fédération Aéronautique Internationale und des Deutschen Olympischen Sportbundes

"Jetzt nicht die Nerven verlieren!"

Aus dem Wettkampftagebuch eines Segelfliegers: Tilo Holighaus hat den FAI Sailplane World Grand Prix vergangene Woche deutlich für sich entscheiden können. Welche Gedanken ihm am letzten Wertungstag in La Cerdanya (Spanien) durch den Kopf gingen und wie er am finalen Wettkampftag ein wahres Wechselbad der Gefühle erlebt hat, schildert der Weltmeister hier.

Gleitet dem Weltmeistertitel entgegen: Tilo Holighaus. Foto: TH

Tagessieg am vorletzten Wertungstag des World Grand Prix in La Cerdanya: Tilo Holighaus vor Sebastian Kava (Polen) und Didier Hauss (Frankreich). Foto: TH

"Eine gewisse Nervosität ist heute am letzten Tag schon zu verspüren. Ich habe zwar acht Punkte Vorsprung, aber wenn Sebastian Kava aus Polen den Tag mit dem Sonderpunkt mit elf Punkten gewinnen würde, bräuchte ich mindestens drei Punkte um meine Führung zu halten – es bleibt also spannend.

Wir stehen heute vor einer Aufgabe, die zunächst nach Südosten an den fast 3.000 Meter hohen Cambre d’Aze geht. Man muss also gleich nach dem Abflug nach rechts weg und unbedingt Höhe machen. Vor dem Abflug nutzte ich die Zeit und schaute mir das mal an - und fand östlich dem Skigebiet Molina gar nichts - ja sogar heftiges Fallen über dem Höhenzug. Schnell wieder zurück an den Hausberg, der „untenraus“ zwar gut ging, mich aber nicht ganz auf die erforderliche Abflughöhe brachte. Schon bin ich etwas aufgeregt, da nur noch wenige Minuten zum Countdown der Linienöffnung bleiben und auch der nächste Hang nichts bringt. Zum Glück schaffe ich dann am Ausklinkpunkt gerade noch rechtzeitig die Höhe. Mist – einen Teil meiner Nerven habe ich nun schon vor dem Abflug liegen gelassen…

Nach dem Abflug will ich krampfhaft Höhe machen und fliege daher sehr konservativ - und werde prompt nach hinten durchgereicht. Noch kreise ich moderate 2,5 Meter pro Sekunde als die anderen schon wieder von der ersten Wende zurückkommen – läuft wirklich nicht gut. Um die Wende herum finde ich dann aber auf dem Weg zum Hauptkamm eine sehr gut tragende Linie, unter der ich mit rund 200 Kilometern pro Stunde entlangkachle - und so zumindest wieder in Sichtweite des Hauptpulks komme. Am Ende des Hauptkamms bei Seu d’Urgell treffe ich Sebastian und fliege knapp 200 Meter unter ihm. Gemeinsam suchen wir das normal gute Steigen an der Stelle - vergebens.

Nur so ein Herumgeblubbere mit weniger als 1,5 Metern pro Sekunde im Schnitt. Sebastian fliegt nach Süden zum anderen Pulk, der vermeintlich besser steigt - ich gleite vorsichtig weiter auf die andere Seite des Andorratals. Der Hang dort hat mich eigentlich noch nie enttäuscht und tatsächlich drückt es recht brauchbar, aber ich kann den Bart nicht zentrieren. 150 Meter über mir gelingt das Sebastian später besser und er steigt mit mäßigen 2 Metern pro Sekunde. Ich bin überzeugt, dass da noch was Besseres kommen muss – also weiter.

Zum Heulen! Denn danach kommt erstmal nichts mehr und ich falle unter Hangkante. An einer Scharte drückt es dann richtig gut - aber zum ordentlich Steigen reicht es einfach nicht. Irgendwas ist mit dem Wetter passiert und es geht einfach fast nichts mehr. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass es den anderen nicht arg viel besser geht und einige sogar noch deutlich tiefer zum Antennenberg gleiten - Sebastian aber 400 Meter über mir vorbeigleitet. Jetzt nicht die Nerven verlieren!

Auch der Antennenberg überzeugt nicht im Hang. Kurz bevor ich auch da (tief!) wegfliegen will, sehe ich etwas zurückversetzt einen Adler kreisen. Er markiert mir einen Bart, der mich die entscheidenden 200 Meter höher bringt, um an die Wende Cometa zu fliegen. Dort kommen die anderen schon hoch über mir zurück - grrrrr! Aber sie scheinen keinen richtigen Plan in der „schwachen Suppe“ zu haben und zerstreuen sich auf die verschiedenen Höhenzüge, deutlich östlich vom Kurs.

Ich fliege direkt zur Wende und finde dort vorgelagert immer wieder gute Blasen, die mich aber immer nur wieder 200 Meter höher bringen. Immerhin reicht es, um zur Wende zu gleiten und wieder an die nördlichen Höhenzüge zu kommen. Enttäuscht sehe ich, wie dort - schon etwas höher - einige Maschinen kreisen und steige unten ein.

Zu meiner großen Überraschung richten sie dann über mir auf und fliegen nach Süden! Sie hatten die Wende noch nicht! Weiter sehe ich kreuz und quer verteilt tiefe Flugzeuge um Höhe ringen. Ich zähle kurz durch und es keimt wieder Hoffnung auf, vielleicht doch wieder in die Top 10 zu gelangen - und vielleicht reicht es ja für Sebastian dann doch nicht? Diese Gedanken schiebe ich schnell weg und konzentriere mich voll auf den Bart. Als dann noch ein Adler hinzukommt wird das Steigen tatsächlich immer besser - und ich werde immer ruhiger (auch wenn ich x-Mal dem Adler ausweichen muss ¬¬– so ein arroganter Vogel…!). Ich komme dort tatsächlich auf 2.800 Meter und sehe am Antennenberg 5km nördlich noch weitere Flugzeuge kreisen. Dort komme ich in einem rotorähnlichen Bart auf über 3.000 Metern - dicke genug um an die nördliche Wende zu gelangen.

Und ich bin in guter Gesellschaft - fast das ganze französische Team ist bei mir. An der Wende plötzlich eine ganz weiße JS – ja –  Sebastian! Auch wenn er knapp 200 Meter höher ist, lehne ich mich zurück und sage mir: wenn ich jetzt in seiner Nähe bleibe, bring ich das Ding nach Hause. Aber Hinterherfliegen ist bekanntlich nicht mein Ding und wir starten mit mehreren Flugzeugen ein „Race“ auf den letzten knapp 100 Kilometern zur Ziellinie.

Stück für Stück kommt mein Ventus den ganzen Konkurrenzflugzeugen näher und an der letzten Wende habe ich die Ersten schon eingeholt. Und auf den letzten Kilometern schnappe ich auch noch die anderen - die Schnellflugleistung vom Ventus macht einfach Spaß. Jetzt ist es „nur noch“ ein Kopf-an-Kopf Rennen mit Sebastian, welches ich dank meines Flugzeugs zunächst eindeutig gewinne. Aber Sebastian wäre nicht vielfacher Meister, wenn er nicht noch was in Petto hätte: wenige Kilometer vor der Ziellinie zieht er plötzlich deutlich nach links - eigentlich ab vom Kurs. Er findet dort bei 200km/h eine besser tragende Linie, die er geschickt nutzt. Aber da strenge ich mich schon gar nicht mehr an - es ist klar, dass ich heute wieder in den Top 3 bin und dadurch den Weltmeistertitel in der Tasche habe - ich bin soooo glücklich!"